May 21, 2013

O wunderbar süß ist die Botschaft

Im Zuge der Erfassung unseres Liedgutes in unserer neuen Online-Datenbank lese ich in letzter Zeit die Texte vieler Lieder des deutschen Gesangbuchs. Das liegt in der Natur der Sache, denn ich tippe sie ab damit sie in Zukunft schnell und ohne Arbeit für das Büro in unseren Gottesdiensten auf der Leinwand angezeigt werden können. 

Wenn man die Liedtexte liest fallen zwei Dinge sofort auf: erstens, sie stammen aus einer anderen Zeit. Nicht nur weil es sich um altes Deutsch handelt, mit Ausdrücken und Wendungen, die für das heutige Ohr ungelenk erscheinen. Nein, den Liedern lässt sich entnehmen, dass die Generation, die sie schrieb und ursprünglich sang in viel schwereren äußeren Umständen lebte, als wir sie heute kennen. Die Dichter richten ihren Blick auf den Herrn und rufen ihn um Hilfe an: "Der grosse Arzt ist jetzt uns nah" (#211), "Ach, mein Herr Jesus, wenn ich dich nicht hätte, wo sollt ich mich sonst hinwenden?" (#196), "Aus tiefer Not schrei ich zu dir" (#159), "Welch ein treuer Freund ist Jesus" (#353). 

Zweitens ist offensichtlich, dass die Schreiber in der tiefen Überzeugung lebten, dass diese Welt nicht ihr wirkliches Zuhause war. Sie wussten, dass sie zwar in der Welt lebten, aber nicht von der Welt waren: "Hier auf Erden bin ich ein Pilger, und mein Pilgern währt nicht lang" (#440), "Droben im himmlischen Lichtgefild...führ ich mein Schiff zu Land" (#452), "Die Zeit ist kurz, o Mensch, sei weise" (#453), "Du müdes Herz, es wartet dein die Ruh nach all der Müh und Last" (#301), "Treff ich dich wohl bei der Quelle, in dem Land der Herrlichkeit?" Jesus selbst betet für seine Jünger: "Sie sind nicht von der Welt, gleichwie ich auch nicht von der Welt bin... Gleichwie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt." (Johannes 17:16,18 LUT) 

Ich ertappe mich manchmal dabei wie ich über den einen oder anderen Text innerlich schmunzeln muss: "O wunderbar süß ist die Botschaft, so traut und so herzlich sie klingt; verkündigt die ew’ge Erlösung, die Jesus, der Heiland, uns bringt" (#154). Natürlich, ich habe den Herrn als meinen Erlöser angenommen, vor über 20 Jahren, und versuche seither ein gottgefälliges Leben in der Nachfolge zu leben. Aber klingt die Botschaft vom Kreuz auch heute noch süß in meinen Ohren? Ist sie mir noch immer so lieb und teuer wie sie einst war als ich zum allerersten Mal begriff, dass sie nichts weniger als meine Lebensrettung ist? 

In einer Zeit in der die westliche Welt trotz Wirtschaftskrise, ökologischen Wandels, ethischen Grundsatzdiskussionen, Terror und anderen Problemen in einem Überfluss lebt, den die Lieddichter des Gesangbuchs nie kannten, wird es nur zu leicht zur Gewohnheit, die Lösung für unsere Probleme zuerst in unserer Welt und unseren eigenen Fähigkeiten zu suchen und nicht beim Herrn. Wenn ich Kopfschmerzen habe nehme ich eine Tablette. Wenn ich krank bin gehe ich zum Arzt. Wenn ich am Arbeitsplatz nicht zufrieden bin suche ich mir einen anderen. Wenn mir in der Gemeinde etwas nicht passt muss ich nicht weit fahren um die nächste zu finden, und so weiter. An Gott denke ich oft erst dann, wenn ich keine andere Möglichkeit mehr sehe. 

Der Fortschrittsglaube, der uns vorgaukelt, dass wir im Grunde alle unsere Probleme selbst lösen können, dass Technologie das Leben erleichtert und medizinische Entwicklungen es (irgendwann nach Belieben?) verlängern werden lässt auch die Sehnsucht nach der himmlischen Heimat verblassen. Wir haben die Mittel uns unser irdisches Zuhause bequem und komfortabel einzurichten und während das grundsätzlich erst einmal nicht falsch ist vergessen wir dabei doch leicht, dass dieses Zuhause vergänglich ist. 

All das bringt mich zu folgender Frage an mich selbst: Habe ich mich von Fortschritt und Wohlstand dazu verleiten lassen, zu vergessen oder vielleicht sogar zu vertauschen wer ich bin und wer Gott ist? Ich brauche diese Erinnerung an meine eigene Lage: "Einst war ich gar weit von dem Heiland...ich rief: Jesus, hast du noch Gnade für den größten der Sünder wie mich?" (#170) "Kein anderer als Jesus kann helfen; es gibt ja kein anderes Heil." (#154) Gott dagegen ist "Heilig, Herr Gott Zeaboth; Heilig, Herr der Himmelsheere" (#27), "Vollkommen heilge Majestät" (#26), "Gott, unser Herr" (#23). Gott ist Richter derjenigen, die ihn ablehnen: "Er, der lang um dich geworben, kennt dich dann nicht mehr" (#165). Er ist aber auch "Quell der Barmherzigkeit, Born aller Huld, einzige Rettung von Sünde und Schuld." (#179) 

Hier auf der Erde haben wir als Kinder Gottes den Auftrag mit den Mitteln und Möglichkeiten, die er uns schenkt nicht in erster Linie ein bequemes Leben zu führen, sondern eben diese Wahrheit der Welt zu verkünden: "Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." (Matthäus 28,19:20 LUT). Im Lied heisst es: "Auf zum Werk! Wir sind Knechte des Herrn!" (#409). Und wenn unser Auftrag auch in der Welt gilt, so ist unser wirkliches Zuhause doch woanders: "Zur Heimat dort droben zieht's mich hin aus der Welt" (#425), "Auf ewig beim Herrn! soll meine Losung sein" (#423). 

Möge die Botschaft des Evangeliums aufs Neue "wunderbar süß" in unseren Ohren klingen, und möge der Heilige Geist sie weiterhin gebrauchen uns auf seinen Wegen zu leiten und uns in seinem Reich einzusetzen, auf dass noch viele zum Herrn finden und einst sagen können: "Halleluja, mein Gott hat erlöst aus der Not, ich bin frei, ich bin rein durch des Heilandes Tod" (#176) 

Der Herr segne euch! 

Johannes Weber

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